Trommler Georg Will beim Lesen einer Mitteilung

Reise in die Vergangenheit (2005)

Friedhelm Wagner
Nelkenstraße 12
34582 Borken- Singlis

Tel: 05682/ 3177

Inspiriert vom Reisebericht von Christine Fischbach – Reitz aus Biedenkopf  (siehe Trommler,31. Folge, Mai 2004)  beschlossen wir, das waren meine Mutter Franziska Wagner, geb. Friedrich,  Jahrgang 1930,  ich, Friedhelm, ihr Sohn, sowie meine Tochter Christina und ihr Freund Hartmut, auf eigene Faust in das Dorf unserer Ahnen zu fahren.

Bereits zu Beginn unserer Reisevorbereitungen hatte eine junge Frau aus Neu Pasua mit Namen Ceca Devic erfahren, dass wir kommen wollten. Bald kam es zu ersten Telefonaten, bei denen sich heraus stellte, dass Ceca  zuverlässig und sehr hilfsbereit war. Dass Ceca eine ganz außergewöhnliche Frau sein musste, war mir von der ersten Sekunde an bewusst.

Auf die Frage, ob wir in Neu Pasua fotografieren und filmen dürfen, sagte sie: „Alles kein Problem, sie können sich wie zu Hause bewegen, haben sie keine Angst, es wird alles gut.“

Also machten wir uns im September auf den Weg.

Unsere Reise ins Ungewisse begann dort, wo vor 60 Jahren für meine Mutter und viele andere Schwaben die Vertreibung, die Flucht, das Lager und das Leben bei einem Bauern in Österreich, ein Ende fand – in St. Georgen im Innkreis.

60 Jahre waren vergangen, doch es war bewundernswert, wie zielstrebig meine Mutter den Hof, aus den Streuhöfen in St. Georgen bei Obernberg, wieder fand. Auf dem Hof hatte sie von Dezember 1944 bis September 1946 mit ihrer Familie eine Bleibe gefunden. Leider war von den Hofbewohnern aus dieser Zeit niemand mehr am Leben. Der Sohn des verstorbenen Georg Glechner, seine Frau und Kinder freuten sich dennoch sehr über unseren Besuch. Der Sohn war sehr gerührt, als er das eine oder andere aus dem Mund meiner Mutter, über seine viel zu früh verstorbenen Eltern, erfuhr.

Nach einem Rundgang über den Hof und die angrenzenden Felder, machten wir bei Familie Glechner Brotzeit. Gegen 13.00 Uhr setzten wir unsere Fahrt in Richtung Wien fort.

Wir wollten aber nicht den sonst üblichen Weg über Budapest, Ljubljana, Zagreb via Autobahn fahren, sondern hatten uns für die Strecke durch das Landesinnere entschieden, die von den Schwaben vor 60 Jahren mit Ross und Wagen und der Eisenbahn genommen wurde. Die Vollsperrung der Umgehungsautobahn bei Wien hatte einen Stau in Wien von 3 Stunden zur Folge. Somit konnte unser erstes Etappenziel, der Plattensee, nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit erreicht werden.

In der westungarischen Kleinstadt Sàrvàr , etwa 40 km von der österreichischen Grenze entfernt,  fanden wir im Hotel Wolf  eine nette Unterkunft. Sàrvàr ist weithin bekannt für sein 40 - 50 Grad

warmes Thermalwasser. Mit einem kleinen, abendlichen Rundgang durch die romantische Altstadt, ließen wir den ersten Tag unserer Reise ausklingen.

Nach dem Frühstück führte uns am nächsten Morgen der Weg weiter in Richtung Plattensee (Balaton).

Am Grenzübergang zu Ungarn bei Klingenbach erfuhren wir ein freundliches „Gute Fahrt“.

Die prachtvollen Villen am Wegesrand sind vielen unserer Leute, die den mühevollen Weg zu Fuß machen mussten, noch in guter Erinnerung. Bei Balatonüjlak wurde die Bundesstraße 68 zur Europastraße 661. Diese fuhren wir bis Barcs in der Nähe der Grenze zu Kroatien. Überall genossen wir die Weite der ungarischen Landschaft mit ihren unendlichen Sonnenblumenfeldern. Immer wieder begegneten uns Pferdegespanne von ungarischen Kleinbauern und Zigeunerwagen. Auf den Feldern sahen wir hochmoderne Erntemaschinen der Fa. Claas im Einsatz. Ein paar Kilometer weiter hütete ein Schäfer seine Herde, gleich nebenan weideten ungarische Vollblüter auf der Koppel. Auf den Elektroleitungen hatten Störche ihre Nester gebaut.

Nach stundenlanger Autofahrt wurde uns immer klarer vor Augen geführt, welche Strapazen der Flüchtlingstreck in den nassen und kalten Herbsttagen des Jahres 1944 hatte auf sich nehmen müssen.

Alle waren begeistert von den Dörfern und Städten längs der Durchfahrtsstrassen. Von Barcs führte uns der Weg nach Pecs, dem früheren Fünfkirchen. Hier machten wir Halt.

An Fünfkirchen konnte sich meine Mutter, die im Oktober 1944 14 Jahre alt wurde, noch gut erinnern. Der Zug mit den Flüchtlingen machte hier für einige Stunden Halt. Einige Eisenbahngebäude aus dieser Zeit sind heute noch vorhanden.

Unser Wunsch war es, Serbien von der ungarischen Seite zu erreichen. Weiterhin wollten wir die Baćka (Batschgau) kennen lernen und unbedingt die Festung Peterwardein an der Donau sehen, wo einst unsere Vorfahren mit den „Ulmer Schachteln“ die neue Heimat erreichten. Also fuhren wir nach Mohàcs. Hier überquerten wir mit einer Fähre die Donau. Nach ca. einer Stunde Fahrt über Nebenwege standen wir vor dem serbischen Grenzübergang Baćki – Breg. Freundlich, wie auf ungarischer Seite, wurden unsere Reisepässe eingesammelt. Wir wurden auch nach der grünen Versicherungskarte gefragt. Auch die legte ich vor. Mit einem verschmitzten Lächeln zeigte der Grenzer auf ein X, was bedeutete, dass diese Karte für das Land Serbien nicht gültig war. Also kein Versicherungsschutz! Diese Erfahrung haben sicherlich schon viele Touristen vor mir gemacht. Mit einem freundlichen Fingerzeig wurde ich zu einen Häuschen gewunken und um 70.00 € gebeten. Dann bekamen wir unsere Reisepässe wieder und man wünschte uns eine gute Reise.

In der nördlichen Baćka waren Infrastruktur und Gebäude in sehr schlechtem Zustand.

Nur wenige Kilometer vom Grenzort Baćki – Breg befanden sich zwei große Internierungslager, Gakovo und Kruśevlje aus denen Tausende von Volksdeutschen die Flucht nach Ungarn glückte.

Der Weg führte uns weiter über Bezdan, Sombor, Baća Palanka nach Petrovardin (Peterwardein) und Novi Sat (Neusatz). Die mächtige Festung strahlte hoch über der Donau  in der Mittagssonne. Die Donau überspannen zur Zeit Behelfsbrücken, da 1999 beide Hauptbrücken von der Nato zerstört wurden. Nach wenigen Minuten erblickten wir in der Ferne die Berge der Fruschka Gora (Frankengebirge). Über den Weinreben lagen die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Hier hatten viele Neu Pasuaer ihre Weingärten. Das trockene und milde Herbstklima ließ den Wein und das Obst herrlich ausreifen. Ein weiterer Wunsch hatte sich uns erfüllt.

Hier meldete sich Cesa per Handy. Cesa war bereits ungeduldig und wollte wissen, wo wir uns befanden. Wir fuhren weiter in Richtung Indjija, während es unaufhaltsam dunkler wurde. Als wir Stara Pazova erreichten, hatte jeder einen höheren Pulsschlag. Nach wenigen Minuten waren wir, in dem einst so blühenden Schwabendorf Neu Pasua, angekommen. Wir fuhren die Obergasse hinunter bis zur Hauptkreuzung und bogen rechts ab, in die ehemalige Lutherstraße. Straßennamen und Hausnummern waren durch die Dunkelheit nicht mehr zu lesen. Mein Gefühl sagte mir, hier muss Cesa wohnen. Wir stiegen aus und waren genau richtig. Cesa und Tochter Nina warteten bereits – es war 20.15 Uhr. Nachdem wir unsere Geschenke überreicht und uns gestärkt hatten fuhren wir mit Cesa gegen 22.00 Uhr nach Semlin in das Hotel LAV, wo uns Cesa Zimmer reserviert hatte.

Am nächsten Morgen machten wir einen Besuch auf dem Wochenmarkt in Alt Pasua. Beeindruckend war das Angebot von Obst und Gemüse. Sehr schön anzusehen waren die stolzen Slowakinnen in ihrer Tracht. Das erste, was meine Mutter in der Hand hielt, waren Weintrauben aus dem Gebirge. Zum Bezahlen kam sie nicht, denn die Slowakin hatte sofort bemerkt, dass meine Mutter eine Schwäbin war. Cesa übersetzte: „Die Trauben schenke ich ihnen“.

Wenig später saßen wir bei den Kirchenältesten im Pfarrhaus, die eine Besprechung hatten. Wir wurden sehr freundlich von den meist älteren Slowaken begrüßt. Sofort war Cesa in ihrem Element und übersetzte uns die früheren Erlebnisse der Slowaken mit den Schwaben aus Neu Pasua. Danach besichtigten wir die Kirche. Der Baustil ähnelt sehr der nicht mehr vorhandenen Neu Pasuaer Kirche. Die Gottesdienste, so erzählte man uns, werden regelmäßig und gut besucht.

Am Nachmittag waren wir in Neu Pasua. Natürlich wollte meine Mutter zuerst in die Marktgasse, wo sie früher zu Hause war. Auf dem Weg dorthin kamen wir an einigen Schwabenhäusern vorbei, die sich meist in einem sehr schlechten baulichen Zustand befinden. Das Elternhaus meiner Mutter wurde bereits vor 40 Jahren abgerissen und durch zwei neue Häuser ersetzt. Cesa war sehr erstaunt, wie gut meine Mutter die Namen der ehemaligen Nachbarn aufzählte. Es war traurig anzusehen wie heruntergekommen das Waisenhaus war. Aus diesem Haus könnte man noch einiges machen. Die Kanalisation und die Entwässerungsgräben entlang der Straßen stammen zum Teil noch aus der Schwabenzeit. Natürlich besuchten wir auch den Friedhof. Es gibt nur noch zwei Gräber mit deutschen Namen. Da das neue Gotteshaus ist immer noch nicht fertig ist, wird der Luthersaal nach wie vor als Kirche benutzt. Einen Bebauungsplan gibt es in Neu Pasua erst seit wenigen Jahren. Jahrzehnte lang haben die Kolonisten gebaut, wie sie wollten. Hier stehen moderne Häuser direkt neben baufälligen Schwabenhäusern – deshalb gibt es in Neu Pasua das typische Straßenbild aus der Schwabenzeit nicht mehr. Auch Bauern gibt es in Neu Pasua nicht mehr. Man ist stolz auf die vielen selbständigen Handwerks – und Industriebetriebe.

Die Menschen waren sehr freundlich und hilfsbereit. Ich selbst bin in den Tagen sehr oft mit Stativ und Camera unterwegs gewesen, nie wurde mir ein böser Blick zugeworfen, ganz im Gegenteil. Der Tag neigte sich dem Ende. Am Abend gingen wir alle gemeinsam zum  „Jugoslawen“.

Anschließend mussten wir wieder zurück nach Semlin fahren. Es ist sehr bedauerlich, dass es in Neu Pasua  immer noch kein Hotel oder eine Pension gibt !!!

Am Freitag Morgen fuhren wir ohne Cesa nach Novi Banovci, um Bekannte zu besuchen. Auch hier wurden wir sehr herzlich empfangen und bewirtet.

In Novi Banovci hatten viele Neu Pasuaer an den Steilufern der Donau ihre Weingärten, leider sind alle verschwunden. Wenn die Schwaben aus Neu Pasua ins Ried wollten, mussten sie nach Neu Banovci. Den Sandriegel, der zum baden so beliebt war, gibt es nicht mehr (wurde weggebaggert).

Am Nachmittag trafen wir uns wieder mit Cesa und ihrem Schulfreund Zoran, einem selbständigen Kaufmann aus Neu Pasua. Dieser hat in Belegis ein Boot an der Donau. Bei unseren Planungen zur Reise, hatte mich Cesa nach unseren Wünschen gefragt. Ein großer Wunsch meiner Mutter war es, noch einmal den Sandriegel und das Ried zu sehen. Für Zoran war dies „kein Problem“. Er nahm sich den ganzen Nachmittag frei und fuhr uns auf der Donau, wohin wir wollten. Der von der Donau mitgebrachte feine Sand, lagerte sich bei Hochwasser ab, so entstand eine immer größere Insel in der Donau. Wir trauten unseren Augen nicht, als plötzlich Kühe mitten in der Donau auf dem Sandriegel vor uns standen. Als wir bei Stromkilometer 1213 das Ried betraten, war unser Glück vollkommen.

Zoran und Ceca hatten uns einen wunderbaren Nachmittag bereitet – für beide eine Selbstverständlichkeit. Der Sonnenuntergang über den Steilufern der Donau, bleibt uns allen unvergessen.

Am Samstag Morgen besuchten wir Semlin. Alt Semlin steht unter Denkmalschutz. Von einer alten Wehranlage hoch über den Dächern der Altstadt, hatte man einen wunderbaren Blick auf die Donau, Belgrad und die Festung Kalemegdan. Cesa erklärte uns, dass die Save, die bei Belgrad in die Donau mündet, die Grenze zwischen Zentraleuropa und dem Balkan ist. Nachmittags gingen wir durch die Innenstadt von Belgrad. Im Laufe seiner wechselvollen Geschichte, wurde Belgrad mehrfach zerstört, so dass nur wenige historische Bauten erhalten sind. Die Stadt ist der kulturelle Mittelpunkt des Landes und die Stadt, der kurzen Wege. Unmittelbar an die schicken Einkaufspassagen grenzte der riesige Festungskomplex und Park Kalemegdan. Von hier oben hatten wir einen tollen Blick auf die Save, die Donau und das Banat.

Vieles von dem, was wir in den paar Tagen gesehen und erlebt haben, kann man in diesem Reisebericht nicht aufzählen, das würde den Rahmen vollkommen sprengen. Unser Reisebericht soll allen, die es sich noch gesundheitlich zutrauen Mut machen, noch einmal die alte Heimat zu besuchen. Es lohnt sich! Man soll die Augen vor der Zukunft nicht verschließen! Meine Generation hat das Leid und den unsagbaren Schmerz, den unsere Vorfahren erfahren mussten, nicht erlebt. Wenn viele nicht vergessen können, so sollte man versuchen, zu vergeben. Auf beiden Seiten.

Dies war auch der Leitfaden des Predigttextes am Sonntagmorgen in Franzfeld, der Schwestergemeinde von Neu Pasua. Anlässlich des 60. Jahrestages der  Flucht wurde eine Kapelle auf dem Friedhof eingeweiht. Diesem Gottesdienst, der von einem evangelischen und serbisch -orthodoxen Pfarrer gehalten wurde, durften wir beiwohnen. Zu dieser Einweihungsfeier war ein Bus aus Reutlingen mit ehemaligen Franzfeldern angereist. Nachdem wir uns alle die Hände gereicht hatten, wurde gemeinsam zu Mittag gegessen.

Gegen Abend fuhren wir ein letztes Mal nach Neu Pasua, um uns von Cesa, Bata  und Nina zu verabschieden. Wir dankten besonders Cesa für ihre große Hilfsbereitschaft und ihrem Mann Bata, der selbständiger Bauunternehmer ist, für die große Geduld und das große Verständnis für seine Frau, die mit ihrem einzigartigen Wesen und ihrem starken Willen in der Lage ist, den Völkern der Welt vieles zu geben und Brücken zu bauen.

 

Vielen Dank für alles!     Nãjljepša hvãla!

Friedhelm Wagner im November 2004





Freundliche Grüße an alle Neu-Pasuaer Landsleute in der ganzen Welt

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