Pfarrer Morgenthaler
Senior Schumacher

Waisenhaus Siloah in Neu-Pasua 1910

Waisenhaus Siloah in Eglofstal 1951
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Das Waisenhaus „Siloah"
(Auszug aus dem Neu-Pasuaer Heimatbuch)
Das wichtigste Ereignis der Zeitspanne zwischen dem Ende der Militär-Verwaltung und dem ersten
Weltkrieg war die Gründung des Waisenhauses Neu-Pasua. Wie die Gemeinde, in die es hineingestellt
war, so hat auch die christliche Liebesanstalt eine bewegte Geschichte. Pfarrer Morgenthaler hatte
Ende des Jahres 1907, zusammen mit einigen Freunden, darunter dem späteren Senior Samuel Schumacher,
einen Aufruf zur Gründung eines evangelischen Waisenhauses erlassen. Das Haus sollte ursprünglich
zur 400jährigen Wiederkehr der Reformation im Jahre 1917 errichtet werden.
Für Kroatien/Slawonien war dies das erste Heim dieser Art. Im ganzen Donauraum hatte
es seine Parallele damals nur in dem Waisenhaus der Batschkaer Gemeinde Torschau.
In Neu-Pasua bildete sich sogleich ein Helferkreis, der zuerst aus 80 und etwas später
aus 160 Mitgliedern bestand, zum großen Teil waren es „Stundenleute". Diese Helfer
verpflichteten sich, drei Jahre hindurch täglich einen Heller zu spenden. Auch in den
Spinnstuben wurde fürs Waisenhaus gesammelt; Mädchen und Frauen verfertigten
Handarbeiten, die in einem öffentlichen Verkauf versteigert wurden, dessen Erlös
dem Waisenhausfonds zugeführt wurde. Schon 1908 verfügte man über soviel Geld,
daß man mit dem Bau schon vor dem beabsichtigten Termin beginnen wollte. Es
wurden Ziegel gebrannt, wozu mehrere Gemeindeglieder die nötigen Fuhren Stroh gaben.
Die politische Gemeinde schenkte einen Bauplatz. Plötzlich aber ging es Pfarrer Morgenthaler
nicht mehr schnell genug. Er ließ ein zum Pfarrhaus gehöriges Nebengebäude herrichten,
das zwei Zimmer und Küche enthielt. Freundliche Leute aus der Gemeinde halfen mit
Einrichtungsgegenständen aus, und nach kurzer Zeit, nämlich im Jahre 1910, kamen auch
schon die ersten beiden Waisenkinder. Es waren dies die Geschwister Peter und Julie Bender
aus Mramorak. Kurz danach kam auch die Waisenmutter, Schwester Anna Solnitzky, aus dem
Diakonissenhaus „Salem" in Berlin-Lichtenrade.
Bald aber stellte sich heraus, daß der Raum doch viel zu klein war.
Da man mit dem Neubau noch nicht beginnen konnte, wurde inzwischen ein Bauernhaus erworben.
Es war das Haus des Jakob Flohr in der Postgasse. Hier konnten 10 Kinder untergebracht werden.
Am 26. April 1910 wurde es als Waisenhaus eingeweiht. Von nah und fern waren viele Gäste zu
dieser Feierlichkeit gekommen. Senior Abaffy hielt die Weiherede und gab dem Haus den Namen
„Siloah". Bischof Hein, Franzfeld/Banat, der viele Jahrzehnte später in Eglofstal im Allgäu
das dort nach der Flucht wieder neu errichtete Waisenhaus „Siloah" einweihte, gab damals in
seiner Rede dem Namen folgende Deutung: In freudiger Gemeinschaftsarbeit soll die Quelle der
Liebe für Notleidende, nämlich für unsere armen Waisenkinder, in diesem Haus erschlossen werden.
Und wie der Teich Siloah in Jerusalem einem Teil der Stadt lebendiges Quellwasser spendete,
so soll auch dieses Haus ,,Siloah" seinen Bewohnern und Schützlingen ein lebendiger Quell sein.
Das Haus war rasch gefüllt, und Anfang 1912 musste man schon Pläne zur Erweiterung des Hauses machen.
Mit dem eigentlichen Neubau konnte bis dahin nicht begonnen werden, da der Platz, den die
Gemeinde geschenkt hatte, fast ständig unter Wasser stand und eigentlich ein richtiger Teich war.
Die Trockenlegung dieses Platzes und die ständige Bekämpfung des Grundwassers haben im Laufe
der Zeit so viel Geld gekostet, daß man davon gut zwei Waisenhäuser hätte bauen können.(...)
Mit der Flucht ging die Geschichte des Waisenhauses nicht zu Ende. In folgendem sei kurz sein
weiteres Schicksal beschrieben. Wie die Einwohner Neu-Pasuas so hat auch die Waisenhausfamilie,
die geschlossen mit ihrem Inventar evakuiert wurde, schwere Schicksalswege durchwandern müssen.
Zuerst kam sie an den Rand des Fichtelgebirges, wo sie Zusammenbruch und erste Nachkriegszeit
in dürftiger Unterkunft verlebte. Darauf kam sie in die Weyhersmühle bei Buchau in Oberfranken.
Hier gab es für die Waiseneltern und die Kinder zunächst einmal eine feste Bleibe, und zwar so
lange, bis die UNRRA eines Tages mit einer Aktion alles in Frage zu stellen schien. Sie versuchte
nämlich, die Kinder mit Gewalt nach Jugoslawien zurückzubefördern. Das brachte schwere Zeiten der
Aufregung und Not. Aber mit Gottes Hilfe wurde auch dieses Verhängnis abgewendet. 1950 wurde dann
der Waisenhausverein von Neuem ins Leben gerufen, jetzt unter Leitung von Bischof Franz Hein.
In unermüdlichem Fleiß und zahllosen Verhandlungen gelang es ihm, mit Unterstützung der Inneren
Mission und staatlichen Aufbauzuschüssen das ehemalige Amtshaus des Fürsten Windisch-Graetz in
Eglofstal, zwischen Wangen und Isny im Allgäu gelegen, zu erwerben und zu einem schönen und
modern eingerichteten Heim umzubauen. Dort ist nun seit 1951 unser Waisenhaus Kinderheimen und
haben ihre Muttersprache größtenteils ganz verlernt, sie wissen oft kaum noch, daß sieDeutsche
sind und daß ihre Eltern und Voreltern Urschwaben waren. Im Waisenhaus erhalten sie nun einen
Förderunterricht, der sie äußerlich und innerlich ihrem evangelischen Deutschtum zurückgewinnen
soll. Zu diesem Zweck wurde im Jahre 1955 auch eine moderne Schule mit Lehrerwohnung auf dem
Gelände des Waisenhauses erbaut. Damit erfüllt Siloah in Süddeutschland dieselbe Aufgabe wie
der „Steilhof" in Espelkamp in Norddeutschland.
Eine erschütternde Fügung, die uns in die Wunderwege Gottes hineinschauen lässt, soll nicht
unerwähnt bleiben. Pfarrer Morgenthaler hat einst in unserer alten Heimat das Waisenhaus gegründet.
Seitdem sind Glück und Unglück mit uns und durch unsere Häuser und Familien gegangen, in wechselvollem
Maß, oft für den Einzelnen unbegreiflich. Fast 50 Jahre sind vergangen und manch einer von uns hat
vielleicht schon - zumal in den hinter uns liegenden Jahren und Erlebnissen - im Stillen über das Wort
Jesu nachgedacht: „Was ich tue, weißt du jetzt nicht, aber hernach sollst du es erfahren!" Pfarrer
Morgenthalers Enkelkinder haben, nachdem sie daheim schon und all zu früh die Mutter und in den Wirren
der letzten Kriegstage auch den Vater, den ehemaligen Gemeindearzt Neu-Pasuas, Dr. Schneider, verloren
hatten, im Waisenhaus „Siloah" Heimat und Obdach gefunden! Ja, da kann man nur mit dem Dichter
stammelnd sagen:
„Weg hat Gott aller Wegen, an Mitteln fehlt's ihm nicht,
sein Tun ist lauter Segen, sein Gang ist lauter Licht..."
„Die Herzen offen für das Gebot der Liebe!" So lautet auch heute noch der Aufruf für
unser ehemaliges Waisenhaus.
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